Wenn die Erde bebt – und das THW voll gefordert ist

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Drei Tage intensives Zivilschutz-Training am Wasserübungsplatz Hoya: Mit Zelten, Flößen, Erdbeben-Szenario und starker Jugend zeigt das THW Datteln Teamgeist und Einsatzbereitschaft – bei Regen, Sturm und Sonne.

Zivilschutz live geübt: THW Datteln trainiert in Hoya mit Wasser, Flößen, in und unter einstürzenden Gebäuden und Tunneln - mit Know-How und voller Power

 

Es ist früher Morgen, als unsere Kolonne aus dem Ortsverband Datteln aufbricht. Der Himmel wird gerade hell. Unser Ziel: Hoya. Drei Tage intensives Training, Zivilschutz pur. Gemeinsam mit den Ortsverbänden Gladbeck-Dorsten und Wesel üben wir für ein Szenario, das hoffentlich nie Realität wird – ein schweres Erdbeben im Raum Hoya und die Havarie eines Schiffes auf der Weser.

 

Bevor es losgeht, berührt uns noch ein emotionaler Moment: Unser Ortsbeauftragter Ernst Georg verteilt die Lunchpakete persönlich an jede Helferin und jeden Helfer. Ein starkes Zeichen: bei uns packen alle mit an. Noch schnell ein Geburtstagslied für Lotta – Tochter von Joana, unserer stellvertretenden Ortsjugendbeauftragten. Lotta hat im vergangenen Jahr ihr Jugendleistungsabzeichen in Bronze bestanden. Heute wird sie 13 Jahre alt. Nach dem Ständchen steigen wir alle in die Autos und machen uns auf den Weg Richtung Hoya.

 

An der Spitze unserer Kolonne: Der Zugtrupp THW Datteln. Zugtruppführer Thorsten Reihs erlebt seine Premiere als Kolonnenführer - ein aufregender Moment. Die Route mit technischen Zwischenstopps hat er selbst geplant - ein stiller Moment großer Verantwortung.

 

“Leben in der Lage” beginnt direkt am Eingangstor

 

Nach einigen Stunden Fahrt und Tankstopps für die Großfahrzeuge, erreichen wir endlich das Ziel. Der Wasserübungsplatz liegt direkt vor uns. Schon bevor wir das Übungsgelände betreten, beginnt das Abenteuer: Das Tor zum Wasserübungsplatz bleibt verschlossen. Der Himmel verdunkelt sich, Regen hängt in der Luft und droht mit nassen Zelten. Die ersten Helfenden klettern mit einer Leiter über das Tor. Leben in der Lage, wie es im Buche steht. Die ersten Zelte müssen stehen, bevor der große Regen kommt. Schlafsäcke und Feldbetten sollen trocken bleiben, die Feldküche stehen, bevor es dunkel wird.

 

Als der Hausmeister eintrifft und das Tor endlich öffnet, arbeiten alle Hand in Hand.  Zeltplanen fliegen, Stimmen rufen durcheinander. Der Boden ist matschig. In wenigen Stunden steht ein komplettes THW-Zeltlager am Ufer der Weser - fehlen nur noch die Betten.

 

Feldlager & Feldbetten: Der Aufbau fordert alles – und alle

 

Feldbettaufbau - der ist eigentlich einfach: Ausklappen, Spannen, Einrasten. Wir haben jedoch hochmoderne Unterkunftsbetten - bequem zum Schlafen, ein Albtraum zum Aufbauen. 

Disc-O Betten sind genau so bequem wie sie unpraktisch in der Montage sind. In der Theorie sieht ja alles einfach aus - unter Zeitdruck, auf nassem Zeltboden und gerade der Stellfläche des Bettes an Bewegungsfreiraum ein nervenzehrender Kampf mit Gestänge, Disco-O Scheiben und Liegematten. Mit nassen Fingern und nachlassendem Tageslicht. Die Betten sind ein Puzzle unter Zeitdruck und bei Platzmangel: Rohr rein, Nupsi raus, Seitenteil dran, Seitenteil wieder ab. Für Unterkunftszelte, nasses Wetter und Zeitdruck ist das System nicht gemacht. Jeder Aufbau ist ein kleines Abenteuer, der Kampf mit der Anakonda auf der rutschigen Bodenplane.  Diese Betten fordern nicht nur Körperkoordination, sondern auch Durchhaltevermögen.

 Und dennoch: Veteranen des Feldlagerbaus verlieren irgendwann das Zeitgefühl, aber nie den Blick für die perfekte Liegefläche. Denn so unbequem  die Betten beim Aufbau sind: Im Liegen sind sie himmlisch.

 

Heiße Suppe. Kalte Füße. Warme Gemeinschaft.

 

Der Regen kommt. Und mit ihm die Zeit für Kameradschaft. Die Feldküche Gladbeck-Dorsten versorgt uns mit heißer Gemüsesuppe und Würstchen. Zeltheizungen laufen gegen die Feuchtigkeit. Es wird gegessen, gelacht, nachjustiert. 

 

Tag 1: Technik, Training, Teamarbeit

 

Die Sonne zeigt sich – und bleibt. Der Freitag wird heiß, im wahrsten Sinne. Zwei Jugendliche müssen mit Verdacht auf Sonnenstich behandelt werden. Die Fachgruppen geben alles:

• Fachgruppe Wassergefahren: Floßbau, Aggregate, improvisierter Pumpenantrieb.

• Bergungsgruppe Datteln: EGS-Aufbau, sichere Zugänge schaffen.

• AGT-Träger: Tunnelsimulation, Menschenrettung im Dunkeln.

 

Eine gemischte Gruppe aus Datteln und Gladbeck-Dorsten wächst über sich hinaus. Nadja, Jugendgruppenleiterin aus Gladbeck-Dorsten, führt mit Klarheit, Humor und Konsequenz durch Notinstandsetzung, Zeltaufbau und Fachthemen. Stolz, Disziplin und echtes Lernen gehen hier Hand in Hand.

 

Joana, neue stellvertretende Jugendleiterin im OV Datteln, beobachtet das Geschehen mit geschultem Blick:

“Ich habe die Jugendlichen in ganz neuen Rollen erlebt. Zu sehen, wie sie Verantwortung übernehmen, sich gegenseitig helfen und dabei über sich hinauswachsen, hat mich tief beeindruckt. Das war keine Theorie, das war echte Entwicklung.”

 

Tag 2: Der Ernstfall – das Erdbeben trifft Hoya

 

Ein lauter Knall. Die Übung beginnt. Ein schweres Erdbeben erschüttert Hoya – zumindest in unserem Szenario:

• Ein Zug entgleist. Unser Ortsbeauftragter wird durch das Bergungsteam Gladbeck-Dorsten gerettet.

• Eine Bombe mit Timer im Wagon. Evakuierung.

• Rettung von Puppen aus Trümmerkegeln.

• Bergungsgruppe Datteln stützt Gebäude ab und rettet weitere Dummies.

 

Parallel: Wasserrettung bei Gefahrgutschiff-Havarie

 

Alexander Hülsdau, Gruppenführer Wassergefahren THW Datteln, schildert das Szenario aus seiner Sicht:

 

“Wir haben das Szenario eines Gefahrgutschiffes gehabt. Zuwege für Fahrzeuge waren versperrt. Der einzige Weg zur anderen Uferseite war über Wasserfahrzeuge. An der Übung beeindruckt hat mich die gute Kommunikation zwischen den Ortsverbänden und zu sehen, wie unterschiedlich gearbeitet wird – und wie viele Ideen man braucht, um Material ans andere Ufer zu bringen. Es war eine wichtige Erfahrung.”

 

 

Führung & Koordination: Zugtrupp im Einsatz

 

Thorsten Reihs, Zugtruppführer THW Datteln, zieht ein klares Fazit:

 

“Als Zugtruppführer habe ich bei Übungen und Schulungen schon öfter die Rolle des Zugführers übernommen. Diesmal aber in einem viel realistischerem Szenario. Ich bin mir sicher, dass ich dadurch nun sicherer in einem realen Einsatz bin und das Einsatzgeschehen besser überblicken kann. Was ich toll fand ist, dass die Zusammenarbeit mit Einheiten anderer Regionen so reibungslos funktioniert. Ist aber auch kein Wunder, denn die Denkweise ist immer ähnlich im THW.  Was die Tätigkeit als Kolonnenführer angeht, bin ich froh, dass meine Vorbereitungen schon sehr gut waren. Gerade mit so vielen Großfahrzeugen kann man sich nicht immer aufs Navi verlassen und muss die geplante Strecke schon gut kennen. Zukünftig würde ich die Besprechung mit den Kraftfahrern vor Abfahrt noch ausführlicher machen, damit ich Reichweiten der Fahrzeuge und damit Tankstopps besser abschätzen kann.”

 

Marie Theres Baron, Zugführerin, ergänzt:

 

“An dem verlängerten Wochenende sind 90 Charaktere aus drei verschiedenen Ortsverbänden aufeinander getroffen. Das kann eine Herausforderung sein, was sich auch am Anfang in einer Chaosphase gezeigt hat. Dennoch haben wir gemeinsam ein Ziel verfolgt und konnten durch gute Zusammenarbeit dies schnell erzielen. Für Probleme und Unstimmigkeiten konnten wir als Führungsteam schnelle und effiziente Lösungen finden, wo mein Dank da auch an Sven und Nicolai geht. Die Ausbildung hat ihren gewünschten Erfolg erzielt und wir können zukünftig an dieses Wochenende anknüpfen. Ich war glücklich, dass sich keiner verletzt hat und alle ihren Spaß hatten. Gerne würde ich mit Wesel und Gladbeck/Dorsten noch eine LZA planen und durchführen. Auch wenn wir aus unterschiedlichen Regionalstellen kommen, hat die Planung und Kommunikation super funktioniert.”

 

Küche unter Volldampf: die unsichtbaren Held:innen

 

Dagmar Dimde, die als Köchin ihr Debüt in der Großversorgungsstruktur gibt, erinnert sich:

 

“Mit den zu niedrigen Tischen zu arbeiten war echt eine Herausforderung. Ich wusste vorher nicht, dass zur Feldküche keine vernünftigen Arbeitstische gehören. Biertische sind einfach zu niedrig für langes Arbeiten. Aber dass mein erstes gekochtes Essen auf einer Feldküche allen geschmeckt hat, hat mich stolz gemacht. Die Helfer haben sogar auf die zweite Runde Nudeln gewartet, weil so viele eine zweite oder dritte Portion wollten.”

 

 

Jugend mittendrin: Lernen im Ernstfall

 

Stephanie Ziemons, Teil der Jugendgruppe und aktiv in der Jugendredaktion, berichtet:

 

“Ich hätte nie gedacht, dass ich beim Floßbau so viel mithelfen kann. Es war zwar anstrengend, aber total cool zu sehen, wie aus ein paar Teilen ein echtes Rettungsboot wird. Am liebsten würde ich das jedem zeigen.”

 

Unwetterwarnung und Improvisation unter Schwalbennestern

 

Für die Nacht auf Sonntag wird ein starkes Unwetter gemeldet. Windböen, Starkregen, Gewitter. Der Entschluss ist klar: Zeltlager abbauen. Alles wird unter das Schleppdach verlegt. Zwischen Schwalbennestern und Bierbänken werden Feldbetten aufgestellt. Es scheppert, donnert, regnet – doch wir bleiben trocken. Gemeinsam. Sicher.

 

Abschied mit Gänsehaut

 

Unser Ortsbeauftragter Ernst Georg Kartzig ist besonders stolz, wie wir mit den anderen Ortsverbänden an dem Wochenende zu einer Einheit zusammengewachsen sind. 

„Danke auch an die beiden Zugführer Marie- Theres und Sven für die gute Vorbereitung, die spannenden Übungen, den Teamspirit und das alle Helferinnen und Helfer wieder gesund nach Hause gekommen sind."

 

 

Der Sonntag in Hoya beginnt mit zügigem Einpacken. Die Zelte sind bereits verlastet. Gegen 10 Uhr rollt die Blaulichtkolonne zurück Richtung Heimat.

 

Wer in Hoya dabei war, hat nicht nur eine Übung erlebt. Sondern eine Geschichte mitgeschrieben. Eine Geschichte voller Technik, Herz und echter Teamarbeit. Und wer dabei war, weiß jetzt:

Wenn die Erde bebt, stehen wir bereit.

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